
Leseprobe "Die Töchter der Zirbelnuss"
Französische Ardennen, 1998
Ein spürbarer Luftzug durchfuhr den Dachboden. Die Tür
schlug zu. Charline, der die Kälte des Januartages unter die
Kleidung kroch, hockte mit klopfendem Herzen auf den
Holzplanken und schaute hinauf zum milchigen Fensterglas der Luke. Hier im engen Tal der französischen Maas zeigte sich die Sonne in den Wintermonaten nur selten. Der Schein einer Glühbirne erhellte schüchtern die Winkel der Dach-kammer. Charlines braune Augen verloren sich im düsteren Halbdunkel.
Vor ihr stand ein Eimer, in den ein steter Tropfen fiel. Sie
verfolgte die Wasserspur, die zwischen den Schieferplatten
des Daches ihren Ursprung nahm, bis sich das Plätschern
der Wassertropfen mit einer Frauenstimme vermischte. Ihre
Mutter rief zum Mittagessen.
Ein auflebender Wind peitschte den Regen gegen das Dach.
Auf dem Boden kniend, schüttelte Charline ihr langes Haar
nach hinten, betrachtete ein letztes Mal die Fotografie, die
sie seit einigen Minuten regungslos in ihren zierlichen Hän-
den hielt. Dann legte sie das Bild in die Schatulle zurück, die
ihr zuvor bei den Aufräumarbeiten vor die Füße gefallen war,
und versteckte diese unter einer Holzdiele.
Vom Wind angetrieben, der an den Schieferplatten des Dach- stuhls rüttelte, erhob sie sich ruckartig, duckte sich unter
dem niedrigen Gebälk und zwängte ihre schmalen Hüften
an den gepackten Kartons vorbei. Mit ihrem Schuh stieß sie
gegen einen Vogelkadaver. Voller Ekel übersprang sie das tote Tier und eilte die Stufen hinab ins Erdgeschoss.
In der Küche hatten sich ihre Eltern zu einem französi-
schen casse-croûte eingefunden, einer Art Brotzeit, wozu
belegtes Baguette und Wein gereicht wurden.
Charline fröstelte. Sie presste ihre Gliedmaßen an ihren
Körper und setzte sich an den Tisch in der fast leer geräum-
ten Küche. Der wuchtige Küchenschrank, der gusseiserne
Herd und der Spültisch waren bereits fortgeschafft.
Appetitlos nagte Charline an ihrem Stück Brot, trank einen
großen Schluck Wein, als könnte sie damit ihr Gemüt betäu-
ben, das über den Tod ihrer geliebten Großmama betrübt war.
Und über die schmerzliche Aufgabe, das Haus der Groß-
eltern auszuräumen und damit auch ein Stück Vergangen-
heit wegzuwerfen.
Leeren Blicks starrte Charline auf die mit Kaffeerändern
laminierte Wachstischdecke von Großmamas Formica-Tisch.
Sie erinnerte sich an die unzähligen getrunkenen Tassen, die
zahllosen Wochenenden und Schulferientage, an denen sie
zusammen an ebendiesem Tisch saßen und über Gott und
die Welt sprachen. Oft vernaschte sie dabei ein Stück galette
ardennaise – ein mit Puddingcreme gefülltes Hefegebäck –,
das ihre Großmama zuvor für sie gebacken hatte und das sie
besonders gern aß. Bei ihr konnte Charline ihr puderzucker-
weiches Herz ausstauben, wenn sie ihr mal wieder von den
in der Schule erlittenen Hänseleien erzählte.
Trotz der beinahe völligen Erblindung im hohen Alter war
ihrer Großmama nichts verborgen geblieben. Stets hatte sie
ein feines Gespür für die Sorgen anderer gehabt. Ihr linkes
Augenlicht hatte sie als junge Frau durch einen »sakrischen
Splitter« eingebüßt. »Ein Bruchstück aus einer Zeit, in der
die Welt in Scherben lag, verstehst du, ma Nénette?«, hatte
sie ihrer Enkelin verraten. Mehr gab sie auf Nachfrage nicht
preis. Dafür war das schiefergedeckte ardennische Backstein-
haus in Stillschweigen verharrt.
Charline hatte ihre Großmama am Küchentisch oft beim
Beten beobachtet, während sie in der Mittagspause bei ihr
Blumenkohlröschen in weißer Soße aß oder Schulaufgaben
erledigte. Großmama stammte aus einer anderen Zeit, in der
der Glaube tief verwurzelt war – ganz anders als in den nüchternen französischen Ardennen. Genau wie ihre mit Muskatnuss verfeinerten Blumenkohlröschen in Mehl-schwitze, die so gar nicht in die Ardennen passten.
Ihre Menschenkenntnis hatte Charline die Augen geöffnet, nachdem sie erst unsterblich in den Klassenkasper verliebt und dann chronisch unglücklich gewesen war. Denn er hatte ihr auf dem Schulhof vor allen anderen Mitschülern einen Korb gegeben. »Solch einen Kasperle brauchst du nicht, ma Nénette. Er lässt dich im eigenen Schatten sterben«,
meinte ihre Großmama damals. »Such dir lieber einen wohl-
erzogenen Jungen aus dem Ausland.« So hatten es Großma-
mas Tarotkarten vorausgesagt, und ein butterweiches Stück
galette ardennaise hatte Charline Trost gespendet.
Doch warum hatte sie sich so sehr gewünscht, dass ihre
Enkelin einen jungen Mann aus einem fremden Land hei-
ratete? Wer wie sie in den Ardennen in einfachen Verhält-
nissen aufwuchs, hatte kaum eine Chance, jemals tolle Rei-
sen ins Ausland zu unternehmen. Aber die Tarotkarten der
Großmama logen nie. Ihren eigenen Tod hatten sie ebenfalls
vorausgesehen.
Ihre Nénette, Charline, war aus der Schule heimgekehrt,
als ihr die Mutter aufgelöst in die Arme lief und schluchzte:
»Deine deutsch Mamie ist gestorben.«
Von der traurigen Nachricht getroffen, rief Charline:
»Großmama wird nie wieder zurückkehren!«
Das war erst ein paar Tage her. Seitdem war da nur noch
Leere. Wie sollte sie damit jemals wieder klarkommen?
Charline hielt es nicht lange in der winzigen Küche im
engen Tal der Maas aus. Sie bat ihre Eltern um Erlaubnis, auf stehen zu dürfen. Angespornt von einer unwiderstehlichen
Neugier, was es mit der Schatulle und der Fotografie darin auf sich hatte, erklomm sie mit leichtem Schritt die knarrenden Stufen der Dachbodenleiter, ihre Hände fest um das wackelige Geländer geklammert. Oben angekommen, zwängte sie sich wieder an den Kartons vorbei in den hinteren Dachraum.
Der Regen hatte aufgehört. Dafür fiel ein schwacher Licht-
strahl der Wintersonne durch die Dachluke. Charline holte
die unter der losen Holzdiele versteckte Schatulle hervor und
setzte sich auf eine der herumstehenden Kisten. Sachte hob
sie das Kästchen hoch. Es war etwas kleiner als ein
Schuhkarton, gänzlich aus Holz gefertigt. Auf dem Deckel bemerkte sie eine filigran gearbeitete Blüte und einen Schriftzug mit Buchstaben, die aus einer anderen Zeit zu stammen schienen.
Die Schatulle sprang mit dem gleichzeitigen Druck auf
zwei seitlich angebrachte Blütenmuster auf. Charline starrte
auf den Inhalt. Sorgfältig nahm sie das verblasste Schwarz-
Weiß-Foto heraus und hielt es in das einfallende Sonnen-
licht. Eine junge Frau mit hellen Locken schaute sie ernst,
fast traurig an. In ihren Armen trug sie ein Kleinkind, das in
ein Kleidchen eingehüllt war. Verdutzt drehte Charline das
Foto um. Auf der Rückseite stand in einer eleganten Hand-
schrift geschrieben:
»Ich habe mein ganzes Leben mit Erinnern zugebracht.«
Sie las den Satz, aber sie wusste nicht, was er bedeutete. In
der unteren rechten Ecke stand weiter: »Augsburg, Sommer
1940, Sieglinde & ich«.
Als sie erneut auf das Foto sah, fielen ihr die feinen
Gesichtszüge der Frau auf. Runde Äuglein. Spitze Lippen.
War das ihre Großmama? Und das Kleinkind in ihren Armen:War das ihre Mutter? Sie hatte doch erst in den 1950er-Jahren das Licht der Welt erblickt. Wer war Sieglinde? Charlines Gedanken überschlugen sich. Fragen über Fragen.
In der Schatulle befand sich eine zweite Schwarz-Weiß-
Ablichtung. Ein Familienbild. Die Eltern trugen Sonntags-
kleider. Zwei Mädchen in weißen Röckchen mit feiner Spitze
posierten vor ihnen. Es war, als tauchte Charline in ein weit
zurückliegendes Leben ein. Waren das Großmamas Eltern?
Wer war hingegen das andere Mädchen auf dem Foto? Viel-
leicht die ihr unbekannte Sieglinde? Die Fotografien ließen
sie ratlos zurück.
Charline kramte in dem Kästchen nach Antworten, fand
ein samtenes Tuch, einen Strickbeutel, gefüllt mit Schmuck-
stücken, und ein Büchlein. Sie legte alle Gegenstände zur
Seite, nahm nur das Buch auf und führte es an ihre Nase.
Es roch nach feuchtem Moos und hatte eine klamme, fast
fischige Note. Der Einband war aus abgenutztem braunem
Leder. Ein Riemen hielt das schmale Buch zusammen. Auf
der Vorderseite klebte ein Bild der Muttergottes, die durch
ihre Hände ein weißes Band gleiten ließ, dessen Enden von
Engeln getragen wurden.
Mit feuchten Fingern löste Charline den Riemen, hob den Deckel vorsichtig an, um die erste Seite freizulegen. Die
Papierränder waren vom Lederumschlag bräunlich verfärbt.
Ihr Blick fiel auf die Schrift, ein Labyrinth aus Schlaufen,
Kurven, Punkten und Strichen, das ihr aus dem Französi-
schen ungewohnt war. Einige Anfangsbuchstaben wurden
großgeschrieben. Sie hatte Schwierigkeiten, die altertümlich
wirkende Schrift zu lesen. Lediglich das Datum ließ sich ent-
ziffern: »1939«.
Die deutsche Sprache war für Charline kein unbekanntes,
aber ein unsicheres Terrain. Sie bereute es aber, nie mit ihrer
Großmama nach Deutschland gereist zu sein, um ihr Schul-
deutsch zu verbessern.
Außerdem hatte Charline die Lästereien der Mitschüler
über das Herkunftsland ihrer Großmama satt. »Ach, Deutsch
ist so kompliziert! Diese Grammatik, ein Horror!« Im sel-
ben Atemzug bekam sie die üblichen Sticheleien über die
»Boches« und »Nazideutschland« zu hören – Vorurteile, die
sich bis heute hartnäckig hielten. Lagen diese vielleicht in der Unwissenheit ihrer Landsleute begründet? Konnte man es ihnen verübeln?
Charline dachte an ihren Großpapa Gaston, der vor
ein paar Jahren gestorben war, kurz nach ihrem zwölften
Geburtstag. Ein lebensfroher, geselliger Mann, der von einem Moment auf den anderen ein in sich gekehrter Mensch werd en konnte. »Franzosenbengel« hatte ihn ihre Großmama liebevoll genannt. »Viel durchgemacht hat er, weißt du, ma Nénette«, wiederholte sie immerzu. Tränen glänzten in ihren Augen, als sie Charline erzählte, wie Großpapa Gaston zu ihrem siebzigsten Geburtstag Blumen kaufen wollte – ein weiter Weg ohne Auto, doch ein kurzer Weg des Herzens.
Charline wusste von der tiefen Zuneigung, die ihre Groß-
eltern verband, eine Zuneigung, die sich im Laufe eines lan-
gen gemeinsamen Lebens so fest in ihnen verankert hatte wie
das Wurzelwerk eines alten Baumes.
Doch auch Charlines fieberhafte Nachfragen zur Zeit
vor der Hochzeit in den 1950er-Jahren, als ihre augenfällig
deutschstämmige Großmama den »Franzosenbengel« Gas-
ton geheiratet hatte, blieben stets unbeantwortet. Ihre Groß-
eltern mieden das Thema. Ihre Mienen blieben stoisch, ihre
Antworten knapp.
Was hatten sie vor ihr verborgen? Hatte Großmama Nar-
ben aus ihrer Vergangenheit getragen, deren Ursprung sie
ihrer Enkelin nicht offenbaren wollte? Eine Träne rann über
Charlines Wange und hinterließ auf der Buchseite einen feuchten Fleck, der die Tinte der alten Schrift verlaufen ließ. Sie wischte sich mit einem Arm über die Augenlider, tupfte mit dem Pulloverärmel nervös das Papier ab.
Sie erinnerte sich an die heftigen Wutanfälle ihrer Groß-
mama, immer dann, wenn sie unzufrieden war. Urplötzlich
brachen deutsche Brocken aus ihr heraus, Worte voller Wut,
die sich unter die gewohnten französischen Flüche mischten.
Um Vergebung dafür rief ihre Großmama kniend, flehend
nach ihrer Mutter, deren leibhaftige Erscheinung Charline
nicht überrascht hätte, so innig waren ihre Fürbitten. Aber
bis auf diese wenigen Gefühlsäußerungen blieb das frühere
Leben – Großmamas erstes Leben vor der Zeit in den französischen Ardennen, weit vor Charlines Geburt – unter Verschluss.
Entmutigt packte sie das Büchlein und die übrigen Gegen-
stände in die Schatulle. Sie holte tief Luft, stand auf, räumte
die Kartons zusammen und stellte sie für die Entrümpelung
bereit. Das Kästchen klemmte sie unter ihr Sweatshirt. Dann
stieg sie die Leiter hinab.
Später, als sämtlicher Hausrat in einem Kleintransporter ver-
staut war, verließ sie das Heim der Großeltern. Und zwar
für immer.
»Das Haus muss unbedingt verkauft werden«, verkün-
dete Charlines Vater.
»Dann holen wir unsere Flitterwochen nach«, sagte ihre
Mutter und lächelte breit.
»Habt ihr denn überhaupt kein Mitgefühl?«, fragte Char-
line erbost. »Großmama ist erst vor Kurzem verstorben, und
ihr denkt an nichts anderes als an einen Urlaub?«
»Nein, Liebling«, wandte ihre Mutter ein. »Denk nur an
deine Zukunft. Deine Großmama hätte sich bestimmt eine
gute Ausbildung für dich gewünscht und dass du studierst.«
Charline musste zugeben, dass ihre Eltern recht hatten, auch wenn es ihr schwerfiel, dies zu akzeptieren. Seit Charlines Geburt war ihre Mutter zu Hause geblieben. Ihr Vater arbeitete nach seinem Schulabgang in der Fabrik eines
Automobilherstellers, unweit von Charleville-Mézières. Das
Gehalt reichte, um die Rechnungen zu begleichen. Zu mehr
jedoch nicht. Am Ende jeden Monats plagten die Familie
Geldsorgen.
Ein letztes Mal schaute Charline zurück auf das aus rotem
Ziegelwerk errichtete Haus der Großeltern. Dessen Fenster
waren von ockerfarbenem Sandstein eingefasst, der regional
als »Sonnenstein« bekannt war und heute in der tief stehen-
den Wintersonne golden-blass strahlte. Das mit graublauem
Schiefer gedeckte Dach reihte sich in die Gasse mit den aus
buntem Bruchstein bestehenden Häusern ein, in das vom
Saum der umliegenden Berghänge verzierte, von Menschen-
hand geschaffene Siedlungsornament.
Der vollgeladene Kleintransporter fuhr entlang des Fluss-
ufers, über ihm ein Meer aus Baumkronen, unter ihm das
seichte Wasser der Maas, die in großzügigen Schleifen das
harte Schiefergestein der Ardennen schliff. Dichte Wälder
bedeckten die sachten Höhenzüge mit einem aus Eichen,
Eschen und Kiefern eng geknüpften Teppich, der sich an die-
sem kühlen Januartag nahtlos in den Fluss legte.
Kurz darauf überquerten sie eine Brücke. An dieser Stelle
eröffneten sich Charline die geschwungenen Häuserreihen,
die Bahn- und die Industrieanlagen. Die Maas hinter Char-
leville-Mézières sei im Zuge der Schiffbarmachung vor über
einem Jahrhundert kanalisiert worden, hatte man ihr in der
Schule beigebracht. Einst ein industrielles Zentrum der Eisenhüttenindustrie im Norden Frankreichs, hatte die Ardennen der wirtschaftliche Niedergang ereilt. Menschen wanderten auf der Suche nach Arbeit ab. Aus den emsigen Fabriken waren Brachen geworden. In den Fenstern einiger Häuser entlang des Flusses hingen vergilbte Gardinen.
Nach wenigen Fahrminuten näherten sie sich ihrem Heim.
Sie luden vorher die brauchbaren Möbel bei Emmaüs ab, um ihnen ein zweites Leben zu ermöglichen.
Zu Hause angekommen, eilte Charline auf ihr Zimmer und
warf sich erschöpft auf ihr Bett. Ihre Gedanken waren bei ihrer Großmama Karla, die Schatulle hielt sie fest in ihrer Hand.
